Monday, June 23, 2008

Ich pass´ mal auf die Möbel auf...

Vor 18 Jahren, als die Neustadt noch ein Szeneviertel der Punks, Studenten und brotlosen Künstler war, begründete man unter einem „Monarchen ohne Geschäftsbereich“ zur Verhohnepiepelung der vergehenden und im entstehen begriffenen Systeme die „Bunte Republik Neustadt“. Dieser Akt des Widerstands fand seinen Gipfel in einem dreitägigen Straßenfest. Gute Traditionen haben Bestand – und so wird die BRN in diesem Jahr volljährig.


Synchronschwimmen

Um Acht werde ich geweckt, ganz lieb – ohne Kind. Ich brauche eine halbe Stunde für einen Toast mit Frischkäse und Kaffee. Mit sauberen Laufklamotten ging es an die Elbe. „Na komm, eine Brücke schaffen wir noch.“ „Los komm die nächste auch noch.“ Schließlich wollte ich das Trainingspensum auf einem angemessenen Niveau halten. Kaum zurück blieb mir eben noch Zeit, das T-Shirt zu wechseln und einen Schluck Wasser meine ausgedörrte Kehle hinunterrinnen zu lassen. Jetzt musste ich, trotz energischsten Widerspruchs meinerseits, mit ins Fitnessstudio zum „body-pump“. Schon der Name ließ mich erschaudern. Ich sah übergewichtige Mitvierzigerinnen in Neonleggins und Speckringen vor meinem inneren Auge. Eingehüllt in eine Duftwolke aus Schweiß und Schweinebraten. Nordic-Walking vorm Spiegel. „Neiiiiin! Ich will nicht!“ All mein Zetern nützte nichts. Dort gab es Kinderbetreuung und eine (O-Ton) „knackige, blonde Trainerin“. Die Kinderbetreuung stelle sich als geparkter Vater heraus, den ich keinesfalls beneidete. Die „knackige, blonde Trainerin“. hatte die 30 bereits überschritten. Na gut, zeig mir was – bitch! Zum Glück waren es keine 50-jährigen Omas in Bluse und Aldi-Sportschuhen, sondern junge Mütter mit Babyspeck und – auch ein Mann. Puhhh, Glück gehabt. Was ich für ein lasches Schonprogramm für fette Frauen gehalten hatte, stellte sich als zeiteffektives Training bei schlechter Musik heraus. Wirklich gut. ABER! Wenn eine weibliche Trainerin verlangt: „Und jetzt die Gewichte wie Einkaufstaschen tragen!“ sollte man es tunlichst unterlassen, zu entgegnen: „Wie jetzt?! Einkaufstaschen tragen?! Wie soll das denn gehen, das machen für mich immer die Frauen.“ Oder es könnte passieren, dass eine blonde Trainerin ruft: „Ahh, Hanni, nimm du mal besser die schweren Scheiben!“ Nach einer Weile war ich dann mehr mit Schwitzen denn mit Schwätzen beschäftigt. Tapfer hielt ich durch. „Ganz schön warm hier.“ Meine Grenzen bekam ich erst beim Dehnen (Frauensport) aufgezeigt. Ich habe die komplizierten Verknotungen und Figuren einfach nicht auf die Reihe gekriegt – ich trug zur Erheiterung aller bei. Mein loses Mundwerk wurde mit Muskelkater bis Dienstag abgestraft.


Mit dem Strom treiben

Wir trafen am Samstag einen alten „Freund“ auf der BRN. Man muss ihm seinen Mut hoch anrechnen. Ich dachte, man würde ihm die Beine brechen, ließe er sich in Dresden blicken. Bei MK-Ultra gab es Druffis und Speedcore. Letzterer war cool, ersterer lustig anzuschauen, wie er total draufnjau 10cm vorm Boxentower rumwankte. Auf dem Weg von Kunststoff-BreakCore zu Drum´and`Bass und Bierbong blieben wir in einem Haufen Menschen stecken. Normalerweise bin ich der Arsch, welcher quetscht, schiebt und drängelt – um rasch diesem Körperkontaktknäuel zu entrinnen. In dem Haufen war es selbst mir zu gefährlich. Nur einer muss stürzen, schon gibt es ´ne Massenpanik. Uncool. Die nachrückenden Idioten sahen das anders und drängten beharrlich weiter, was meinem Vordermann anscheinend missfiel. Dieser offenbar Dresden-Fremde schob seine genauso hohe wie breite Freundin vor sich her, wandte sich zu mir um und gab mir zu verstehen, dass „mein“ Gedrängel für mich schmerzhaft enden könnte. Was sollte ich tun? Man schob mich weiter, er drehte sich wütend um. Schieb, schieb, schieb. „Ey, jetzt reichts!“, er holt aus, ich dreh mich weg, vom Alkohol benebelt erwischt er nur meine Schulter. Ich trat ihm in sein Knöchelgelenk. Zu diesem Zeitpunkt gerade dem Menschenauflauf entronnen, sahen wir zu, dass wir möglichst schnell aus dem Blickfeld des nun humpelnden Penners verschwanden. Drum´n´Bass war gut, aber zu leise. Ich ließ mich nach Hause fahren und aß ein kaltes Stück Pizza im Liegen.


Babos

Dresden – Eine Gruppe Heranwachsender wurde vom Babos-Hinterhof vertrieben, nachdem einer von ihnen 6 Flaschen Orangennektar (1,5l, 30% Fruchtsaftgehalt) entwendet hatte. Der Besitzer des Babos drohte den anscheinend alkoholisierten Personen dabei mit Polizeigewalt. Wie ein Augenzeuge berichtete, waren zwei der Übeltäter gerade dabei mit einem kurz zuvor erworbenen Glasgerät illegale Betäubungsmittel zu konsumieren. Dieses Rauchgerät hatten sie bereits mit Wasser befüllt im lokalen THC erworben, wo man ihnen riet um die Ecke zu gehen. Offenbar standen die Täter bereits unter Einfluss von Crystal, was dem Zeugen einen kostenlosen Kasten Bier verschaffte, ihm jedoch ungemein auf die Nerven ging. Nachdem die Verdächtigen mit ihren illegalen Besitztümern durch diverse Polizeisperren geschlichen waren, verabschiedete sich der unbeteiligte Beobachter in Richtung U-Boot. Aus mehreren Quellen war zu erfahren, dass Fiasko dort vor nur vier Leuten auflegte. Sämtliche Zeugen berichteten jedoch von einer guten Party mit viel Platz zum abgehen. Taxifahrer sind während der BRN ziemlich gestresst.




Zwischenspiel

Samstag war Familientag. Punkt zwölf bei den Großeltern auf der Matte stehen. Am Bahnhof verkaufte man mir einen halben Becher braunes Wasser aus der Thermoskanne mit doppelt Sahne als Milchkaffee. Ich habe das Gefühl, da eingebüßt zu haben. Zum Mittag gab es Schnitzel, Möhren und Salzkartoffeln. Dazu Kompott. Klassisch. Ich zeigte meinen Großeltern unsere Präsentation. „Das ist also so ein Laptop? Ist ja toll!“ Auch von der Kampagne schienen sie ungeheuer beeindruckt. Nach dem Mittagessen machte ich mich auf dem Weg zum Altenheim. Das erstaunen über ein Notebook war noch wesentlich größer. Von nun an war mein präzise geplanter Terminplan obsolet, denn mein Vater lief lieber in Moritzburg einen Triathlon, statt mir Kuchen zu offerieren. Ich wollte mich mit einem alten Schulfreund treffen, doch hatte ich offenbar eine alte Nummer. So spazierte ich mit dem ganzen Computerkram über die BRN bis ich meine Freunde traf. Mir stand der Sinn nach Kuchen. Wir landeten schließlich beim definitiv schlechtesten Bäcker. Zu einem kalten Espresso (Tasse nich vorgewärmt) reichte man mir Sahne! Ganz schön dreist. Erst zu Hause gelang es, mich mittels hausgemachter Pizza zu beruhigen. Sonntag-Nachmittag war das Wetter zwar schlechter, doch fand ich die Stimmung der BRN nun am freundlichsten. Die beste Zeit für „Staatsbürger“ ist ohnehin der Sonntagabend. Man ist zwar gerädert, aber alles ist entspannt. So trafen wir in der Tankstelle einen Polizisten, der zwei Sixpacks Bier unterm Arm hatte. Ich fragte ihn, ob das sein Feierabendbier sei. „Nein, das ist für heut Nacht, wenn ´s vorbei ist.“ Überhaupt waren die bewaffneten Organe ungemein freundlich und traten keineswegs provokant in Erscheinung. Als wir an der Ecke Görlitzer Straße/ Bischofsweg mit einer leeren PET-Flasche Fußball spielten, bat man uns freundlich, doch bitte 10 Meter weiter zugehen: „Sie behindern hier den Verkehr, ich bitte sie!“. Der beste von allen war jedoch der kleine Metro-Polizist am Freitag. Er musste seine Ohrstecker mit Pflastern abkleben. Wie damals im Sportunterricht.

1 comment:

Anonymous said...

Ich wär auch gern dabei gewesen. :.(
Kommst du mich die Woche besuchen?
Knuddel