Thursday, June 5, 2008

Ascension - Himmelfahrtskommando (3/3)

Tag drei: too much


CUT

Nächster Tag, frühes Erwachen. Man legte mir ein Baby auf den Bauch. Es gibt keine perfidere Art, jemanden zum Aufstehen zu bewegen. Wiederum zwang man zum joggen, und wiederum musste ich einen Kinderwagen den Elberadweg entlang schieben. Nachdem ich den Staub der Straße abgewaschen hatte, ging es in die Neustadt: Katzen- ähh Kinderfutter einkaufen. Im Rossman auf der Alaunstraße trafen wir auf zwei Freunde aus meiner Gymnasialzeit. Zwei der wenigen, welche das Radeberger HGR als Menschen verlassen haben. Sie sind Eltern eines wirklich süßen Kindes. Ich kann mir vorstellen was sie dachten, als sie mich samt Kackbratze vor dem Hipp-Regal sahen.

Bückt sich eine Frau mit Kind auf dem Arm und man meint zur Kassierein: "Na, sie muss ja wieder in Form kommen!" sorgt auf jeden Fall für Aufsehen, wenn nicht gar Erheiterung.

Ich hatte noch einen Termin. Von daher trug ich die Einkäufe zum Auto und stürzte mich in das Gassengewirr der Neustadt.
Vor einer Weile fand ich eine Packung Haargummis. Ich nahm mir vor, meine Haare schneiden zu lassen, wenn diese aufgebraucht ist. "Warum warten?" dachte ich mir, als ich selbige Packung etwas später wieder zu Gesicht bekam.
Nach mehr als zwanzig Jahren reiflicher Überlegung und eingehender Beratung durch Freundinnen und Schwestern hatte ich mich also für einen Coiffeur entschieden, dessen Belegschaft einzig und allein aus hübschen Frauen besteht. Ich begab mich zum (Schleichwerbung) Haaramt, zog eine Nummer, und die hübscheste der Damen rät mir, in einer Stunde erneut zu erscheinen. Ohnehin hatte ich noch einen Besuch der Innenstadt auf dem Plan. Nach genau 60 Minuten, 2 Bahnfahrten, 2 Sportgeschäften und einem T-Shirt-Wechsel (man möchte nicht wie ein Leistungssportler riechen, während eine hübsche Frau einem den Kopf krault) stehe ich wieder vor dieser bildhübschen Frau.
Nur sowas kommt mir an die Kopfhaut. Besagte Verstümmlungskünstlerin (Raina, die mit dem Piercing an der Unterlippe) durfte sich meiner annehmen. Hätte ich angespannt sein müssen, ob der bevorstehenden Veränderung? Dafür, dass ich seit 23 Jahren nur eine Person an meinen Haarspitzen lies, war ich erstaunlich gefasst. Vollends locker war ich jedoch erst nach einer Kopfmassage (ich mochte den Geruch des Shampoos, später habe mich durch ein ganzes Drogerie-Regal geschnüffelt, ich fand nichts dergleichen).Zwanzig Jahre Zeit, und nicht die geringste Ahnung, wonach mir der Sinn stand. Einzig was mir nicht gefiel, wusste ich. "Kürzer..." sagte ich also. Hmm. Sie holte einen, an den Kanten bereits abgegriffenen, Katalog. Nach einem Metro-Haarschnitt und einer Emo-Tolle fanden wir etwas, dass uns beiden zusagte. Schnipp-schnapp. Nichts. Nichts. Nichts.
Mir war es gleich, ich habe mir weder eine Strähne aufgehoben noch betrauert, was ich an Haaren lies. Sie war unheimlich lieb und von Zeit zu Zeit war ich ganz froh, ein Mäntelchen tragen zu müssen ;) Das ganze ging schneller als ich dachte, gegen eine weitere halbe Stunde Lächeln hätte ich nichts einzuwenden gehabt.
Ein total merkwürdiges Gefühl, so ohne Haare. Auch ein komisches Gefühl, wenn einen schon wieder sämtliche Frauen anlächeln. Cool, sich mit der Hand wie in einer Shampoowerbung durch die Haare fahren zu können. Oh, siehe da, ein langes Haar auf dem Hemd.

CUTe

Am Bahnhof hatte ich noch genug Zeit für einen Milchshake und etwas BILD-Hetze. Auf nach Radeberg! Meine Heimatstadt empfing mich am Bahnhof mit einem strengen Uringeruch. Da ich pünktlich war, konnte ich gemütlich durch die Stadt schlendern.
Das sommerliche Wetter des Neustädter Vormittags war einer bewölkten Jacke-tragen-Stimmung gewichen. Ob des neuen Haarschnitts, klappte ich den Kragen hoch. Hier war es bestimmt 10° kälter als in DD.
Jeder, der wusste, dass ich auf eine Homo-Hochzeit gehe, sagte mir: "Laber die Leute da bloß nicht zu!"
Schaumerma.
Das ganze fand familiär bedingt im Schloß Klippenstein statt. 15.00 war Prosecco-Empfang - was für ein verdammtes Klischee. Zum Glück hatten die Leute Durst, und die "Frauen"-Limo war schon gekippt, als ich eintraf. "Hanni! Was ist denn mit deinen Haaren passiert?" bekam ich an diesem Tag ziemlich oft zu hören. Jedesmal antwortete ich: "Hab ne Wette verloren".
Oh, Bräutigam und Bräutigam. Was wünscht man einem Brautpaar zur Hochzeit? Was wünscht man einem schwulen Paar? Ich verzichtete auf vorgefertigte Standardfloskeln und wünschte meinem Onkel und Chrigl (Christian) nur das beste, viele glückliche Jahre, und dass solcherlei Ehen länger halten mögen als "gewöhnliche". Meinem Opa gegenüber meinte ich, dass er nun all seine Söhne unter die Haube gebracht hätte. Das fand er gut. Ich gehörte definitiv zu den worst-dressed-people da. Ist doch Blödsinn! Warum ziehen sich die Homos so schick an, wenn sie es ohnehin nicht auf Frauen abgesehen haben?! Die Normal/Homo-Quote lag bei etwa 1:3. Männer waren dabei naturgemäß in der Überzahl. Einige von denen hätten mir jede Frau ausspannen können, andere sahen richtig tuckig aus. Ich setzte mich an einen "normalen" Tisch, zu meinen Großcousinen (beide leiden an Trisomie 21) ihren Eltern sowie meinen Cousinen (auch nicht ganz auf der Höhe). Dazu noch meine Schwester (ChristenPunk) und ihr Freund (Gothic). Shit! Und das auf ner Schwulenhochzeit, wo Nachwuchs eher unwahrscheinlich ist. Auf einmal verstand ich, warum mein Großvater einst Angst hatte, dass ich nach meinem Onkel schlagen könnte. In seinem großväterlichen Weltbild bin ich die Zukunft der Familie. Die einzige. Meine Schwester zählt nicht, denn seinen Familiennamen wird sie nicht weitergeben.
Der einzige feminine Lichtblick der Veranstaltung war eine der Servierdamen. Vielleicht 19 Jahre alt, very cute. Während des Kaffees stellte das noch kein Problem da, viel Kaffee ist kein Problem. Zumal, Kuchen von Päßlers! Das beste was die Menschheit je hervorzubringen im Stande war.
Im Anschluss an die Kuchenorgie gab es eine Stadtführung. Ich ging stattdessen lieber meine Uroma im Altenheim besuchen. Leider kann ich sie nicht so oft sehen, wie ich das möchte, wie sie es verdient hätte. Bin ich in der Nähe, schaue ich stets bei ihr vorbei. Großartige Frau. Auf dem Rückweg ging ich durchs Hüttertal. Mein altes Revier aus Kindestagen. Ich war zu früh, ebenso wie meine Schwester und ihr Freund Lukas. Lukas sieht "komisch" aus. Meine Verwandtschaft zeigte sich anfangs nicht sonderlich begeistert, ich hingegen kam gut mit ihm aus. Wir konnten meine Schwester auf die gleiche dumme Art zutexten. Zu dritt gingen wir, um uns ein Eis zu besorgen, liefen ein paar Meter und trafen dann auf die übrigen Hochzeitsgäste, welche sich die Stadt zeigen ließen. Wirklich niedlich, diese Schwulenpärchen, die Hand-in-Hand hinter der großen Gruppe herliefen.
Für die Organisation der Feier waren mein Vater und eine Hardcore-Lesbe verantwortlich. Diese Lesbe war wirklich schlimm. Vor ein paar Jahren begennete ich ihr mal beim Brunch, sie hat sich nicht verbessert. Wie ich in Erfahrung bringen konnte, hat sie die Organisation der Feier förmlich an sich gerissen, ihre Freundin wolle sie nicht heiraten, also musste(n) mein(e) Onkel unter ihrem mangelnden Unterhaltungstalent leiden. Die standesamtliche Trauung fand zuvor in der Schweiz statt. Mittels Busshuttle fuhr man sämtliche Schweizer nach Dresden (mit schickem Hotel und jeglichem Komfort), von dort gab es wiederum einen Busshuttle nach Radeberg - hier wurde gefeiert.
Der weibliche Part des Organisations-Duos zeichnete verantwortlich für unendlich öde Spiele, von diesem Standpunkt aus betrachtet, handelte es sich um eine ganz normale Hochzeit. Dazu gehörten die ebenso unvermeidlichen wie peinlichen Gedichte. So etwas darf mir nicht erspart bleiben. Reimschema: aa, bb, cc, dd, ...! Wer hätte das gedacht. Zwei A-4-Seiten. Ohne solch peinlichen Momente wäre die ganze Veranstaltung wohl unerträglich cool abgelaufen.
Nebenbei, ich entdeckte den größten Nachteil einer Schwulenhochzeit. Der gleiche, wie er auch auf Motörhead-Konzerten zu beobachten ist: ausnahmsweise sind die Männertoiletten überfrequentiert.
Ich hatte in der Zwischenzeit den Tisch gewechselt. Nun saß ich bei meinem Onkel (nicht dem Bräutigam) und den Brüdern der "Braut" samt Gattinnen am Tisch. Ich kam nicht umhin, mit diesen ein Radeberger zu trinken. Eine wirklich gesprächige Tischgemeinschaft. Chrigl´s Bruder ist Redakteur beim öffentlich-rechtlichen schweizer Radio. Die armen Schweizer - selbst die kleinste Sprachminorität bekommt einen eigenen Radiosender. Was mein Interesse weckte, war die Tatsache, dass man schweizer Radiosprecher nach Hannover (reinstes Hochdeutsch) schickt, um ihnen den Dialekt abzutrainieren. Es sollte die Schlacht ums Buffet folgen. Wieder war ich froh, dass sich die Spießerquote auf Schwulenhochzeiten im Allgemeinen und bei meiner Familie im Besonderen in Grenzen hält: keiner filmte das Buffet. Mediterane Delikatessen vom feinsten. Das Bellan hat sich wahrlich selbst übertroffen. Noch nie habe ich so ein zartes RoastBeef auf meiner Zunge zergehen lassen.
Dazu wurden Meißner Weine gereicht (blonde Bedienung!). Damit ich meine Tischgenossen nicht über die Maßen mit meinem Redefluss erschrecke, stieg ich alsbald auf Weinschorle um.
Ich kostete mich durch das gesammte Buffet. Großartig!
Der nächste "Spießer"-punkt stand an: mein Vater und der schweizer Radioredakteur hatten die unvermeidliche Powerpointpräsentation zusammengestellt. Da muss man durch. Unglücklicherweise klingelte mein Telefon inmitten dieses Lichtbildvortrages. Man beorderte mich zurück nach Dresden. Ich hatte ohnehin nicht vor bis zum Schluß zu bleiben, zumal die Musikkapelle "Nierentische" ganz und gar nicht nach meinem Geschmack war. Meine Ambitionen mit dem Arsch zur Wand durch angetrunkene Schwule zu schleichen hielten sich ohnehin in Grenzen.
Ich verabschiedete mich von allen, wünschte meinen Onkeln (dem genetischen wie dem verschwägerten) alles Gute und war raus.
Kind of weird.
Es waren wirklich viele Schwule und auch einige Lesben da. Die meisten mit denen ich mich unterhielt, waren ausgesprochen nett, selbst bei meinen dummen Fragen und Aussagen.
Der beste Satz des Abends war meines Erachtens nach: "Bloß weil ich auf Männer stehe, bedeutet das nicht, dass ich hinter jedem von euch Heteros her bin." Nicht unbedingt schmeichelhaft, aber ungemein beruhigend.

nowhere - now here

Ich nahm den Zug nach Dresden. Eigentlich wollten wir gemütlich ein Bier trinken gehen, aber die Madl wollte auf Party, also versackten Matze und ich auf der Couch, um dann nachts halb eins noch ein Schnitzel in die Pfanne zu hauen - yammi.
Max war als erster wach, und Matze musste sich um ihn kümmern. Damit er rauchen gehen konnte, wurde ich geweckt: "...hier, pass ma aufn Max auf, ich geh fix eine rauchen." Toll. Wieder wach... Egal. Das Kind wollte raus, also warfen wir es in den Kinderwagen und schoben diesen gen Burgerking. Der Bursche soll schließlich bei Zeiten lernen, was ein richtiges Männerfrühstück ausmacht (BigKingMenü mit Salat, Caffé Latte und nem großen Vanillemilchshake). Dergestalt gesättigt ging es wieder zurück, nun war das Kind hungrig, die Madl auch, also gab es ein zweites Frühstück.
Keine zwei Stunden später dann Mittagessen. Bevor ich endgültig zum Mastvieh verkäme, und da ich am Montag ein Referat halten sollte, begab ich mich zum Hauptbahnhof, holte mir erneut einen Milchshake und stieg in den Zug nach Leipzig.

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