Tuesday, September 29, 2009

Stille (Drei)

Da sitze ich also, in der neuen Campusbibliothek. Meine Vorurteile waren ebenso groß wie es jetzt Überraschung und Enttäuschung sind.

Man hat mich, man hat uns aus dem Schoß, aus dem tiefsten Inneren der Albertina herausgerissen. Die Abteilungen KMW, Informatik, Mathematik und BWL ziehen in die „Campus“-Bibliothek. Wo zur Hölle ist dabei die wissenschaftliche und soziale, wo ist die optische Schnittmenge zwischen uns und den zwanghaft masturbierenden Unterhemdenträgern der Mathematik oder Informatik? Was haben wir mit den promiskuitiven Koksschlampen der BWL zu schaffen?
Welches kranke Hirn denkt sich so etwas aus?! Wer zwängt uns Geisteswissenschaftler zwischen diese Zahlen-Freaks?! Das ist wie bei „Einer flog über das Kuckucksnest“ und wir sind Jack Nicholson.

Wenn ich ein englisches Buch brauche, muss ich zur Albertina fahren, brauche ich ein „Werk“ der Soziologie, fahre ich in die Albertina. Brauche ich etwas aus der Germanistik, Literatur oder Politik – ich muss zur Albertina. Hätte die Vorsehung in Gestalt der Planungskommision nicht einen anderen Autistenstudiengang hier unterbringen können? Biologie, Maschinenbau, Diplom-Perversion?

Das Gute ist, ich kann mich nun in meiner kleinen Miniwelt aus Seminargebäude, Mensa und KMW-Bibliothek bewegen. Mit viel gutem Willen und dem zu Tode gepflasterten Innenhof könnte man sogar von einem Campus sprechen. Außerdem hat diese Bibliothek 24/7 geöffnet. Ich brauche keine Wohnung, ich lese einfach mehr!

Doch, welcher soziophobe Naziabschaum zeichnet nur für die Innengestaltung verantwortlich? Wie kann man eine Bibliothek nur so verbauen?! Das Gebäude gibt doch so viel mehr her. Gerade jetzt schaue ich durch die großen Frontfenster direkt auf die Moritzbastei. Hier möchte ich in Ruhe lesen, wenn gegenüber Wollpullover tragende Indipendent-„Künstler“ meinen open air spielen zu müssen.

Die Leseplätze sind wie Schulbänke angeordnet: hintereinander. Aber nicht etwa in der Art, dass man den „Saal“ oder die Zugänge überblicken könnte. Nein! Man sitzt da, wie Schäfchen in der Schlachtbank-Schule, ohne eine Ahnung, was hinter einem passiert, oder was die Blonde hinter mir trägt. Feng Shui oder ein gesunder Menschenverstand gelten hier nichts – sobald die Tür aufgeht, habe ich entweder einen Nackenkrampf, oder der Säbelzahntiger hat mich am Arsch. Die Tische sind zu niedrig, und die Stühle lassen sich nur schlecht verrücken, wenn ich mich ausstrecken will, komme ich räumlich an meine Grenzen. Es scheint, als wäre das gesamte Interieur von soziophoben Asiaten für ganz kleine oder gelenkige Asiaten gebaut worden. Ahhhh! Meine Universität wird übernommen von taschenrechnerkauenden Über-Chinesen! Armlehnen fehlen auch, und die Tischkante schneidete böse in die Ellenbögen ein. Im Bereich der verschärften Verhörmethoden spricht man von Stresspositionen. Hier nennt man es modernes Ambiente. Dafür kann man kippeln. Das Arbeitslicht beleuchtet die Tastatur anstatt das Buch, und die Kante der eingelassenen Kunststoffarbeitsfläche schubbert mir gerade die Haut ab. Selbst unter trockensten Konditionen hinterlässt man glänzende Schweißflecken auf diesem PVC-Traum in ziegelrot.

Welches faschistoide Drecksarschloch hat nur die Innenräume getaltet?! Fest steht nur eines, er wohnt noch bei Mutti und hatte nie eine Freundin. Mit Sicherheit hatte er auch nie das Vergnügen den Lesesaal einer Universität während seines Faschistologie-Studiums zu besuchen. Der gesamte Lesesaal (der KMW – in die Spinnersäle habe ich nicht geschaut) ist ein einziges großes Verhütungsmittel. Nur pure Bosheit und blanker Hass auf jeden zeugungsfähigen Menschen können ein derart kontakt-unfreundliches Umfeld hervorbringen. Es ist unmöglich, durch den gesamten Saal zu flirten. Nicht nur, dass man wie in einem Gefangenentransport hintereinander sitzt, und der Blickkontakt damit ausscheidet, nein, auch zur Seite hin hat dieses vom Wahn zerfressene Arschloch bauchnabelhohe Sichtschutzwände in allerdeutschester Eiche-hell Optik verbauen lassen. Im Sitzen sehe ich gerade mal die anscheinend immer noch nicht aus den Köpfen der Innenarchitekten getilgten Käseloch-Decken.
Der sogenannte Kommunikationsbereich wirkt in diesem Zusammenhang wie ein anthroposophischer Zynismus. Tanz deinen Namen, aber wenn du dich bewegst, hack´ ich deine Füße ab! Was nützt uns, was nützt mir diese gemütliche Ecke mit bequemen Sofas und plüschigen Hockern? Was nützt mir diese Ecke, auf der man sich – eingedenk der 24h Öffnungszeiten – mit so mancher Journalistin ausgiebigst vergnügen könnte, wenn die gesamte Gestaltung des Innenraumes einfach nur absolut kontakt-, kommunikations- und flirtfeindlich ist?!

Ich mag das Klopapier nicht, dass sie hier haben.

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