Deadlines, Arbeiten pünktlich bis Redaktionsschluss einzureichen. Oder bis der Dozent in den Urlaub fährt. Letzte Woche musste ich das Thema einer meiner Hausarbeiten abgeben. Am nächsten Morgen erhielt ich eine E-Mail meines Dozenten.
Lieber Johannes,
Es hätte mich sehr enttäuscht, wenn Du das Thema Deiner Hausarbeit nicht erst 8 Minuten vor Schluß eingereicht hättest.
Yeah! Pünktlich! Ganz im Gegensatz zu der Klausur, welche ich am Mittwoch schreiben wollte, die fand bereits am Montag statt. Zwei Tage zu spät kommen, das muss man erst mal schaffen.
Ich verbringe meine Tage jetzt in der Albertina. Am Freitag konnte ich nur knapp einem brutalen Lynchmord entgehen. Der Ton meines Notebooks war noch on, als ich in der Bibliothek saß, also entschuldigte ich mich mit einem gut hörbaren "Sorry!!!". Man war kurz davor, mir die Kehle mit Buchseiten aufzuschlitzen.
Ich musste massig kürzerer Texte schreiben, überarbeiten und einreichen, nun folgen die langen Hausarbeiten, und vielleicht mal der Schweiztext, wenn ich ihn auf Brockhaus-Enzyklopädie-Umfang zusammen gestrichen hab.
Hier ein Essay über Scotts Blackhawk Down, den ich für halbwegs gelungen erachte (wer das anders sieht, kann sich auf Haue von mir einstellen).
Blackhawk Down
In Ridley Scotts „Blackhawk Down“ werden die Ereignisse weniger Tage während des Jahres 1993 wiedergegeben. Schon einge Zeit befand sich Somalia im Bürgerkrieg, was im Jahr 1993 eine Hungersnot verursachte. Eine von den Vereinigten Staaten geführte UN-Mission (UNSOM) sollte die Verteilung von Hilfsgütern an die Zivilbevölkerung überwachen. Diese Hilfslieferungen wurden von den verschiedenen Rebellengruppen wiederholt geraubt, hier setzt Scotts Film ein.
Man sieht eine bis an die Zähne bewaffnete Gruppe auf leichten Geländewagen („Technicals“) welche bei der Verteilung von Reis aus Rotkreuz-LKWs wahllos in die Menge feuert. Ein US-Helicopter, der die Szene beobachtet, darf nicht eingreifen. Solang die UN-Truppe nicht attackiert wird, sind ihr die Hände gebunden. Die Amerikaner nehmen einen wichtigen Vertreter eines somalischen Rebellenführers (Muhammad Farah Aidid) fest. Diese Geisel ist einer der wenigen Somalier, der nicht bloß als brüllender, in die Luft schießender Schwarzer dargestellt wird. Er kann sogar sprechen. Einem amerikanischen General gegenüber stellt er fest, dass die USA in Somalia nichts verloren hätten. „Das ist unser Krieg“ heißt es da. Dabei handelt es sich um einen der grundlegenden Konflikte dieses Filmes. Die Amerikaner (und auch die UN) kamen ungefragt in das Land, sie sind ungebetene Gäste, zumindest aus Sicht der lokalen Machthaber. Die USA mischen sich (mal wieder) in einen Konflikt ein, der sie nichts angeht. Das die US-Truppen auf einer humanitären Mission in Somalia sind, scheint nur ein Deckmäntelchen fürs Krieg spielen zu sein. Man sieht Soldaten Wildschweine jagen, im Camp grillen und Bier trinken. Es wirkt wie ein Abenteuertrip in Khaki. Alle Soldaten warten sehnsüchtig darauf endlich das Lager verlassen zu dürfen, damit sie etwas vom Krieg zu sehen bekommen. Nur ein junger Sergeant (Sgt. Eversman) scheint sich für das eigentliche Ziel der Mission, der Hilfe für die Zivilbevölkerung, zu interessieren. Anstatt Reistransporte zu sichern, entschließt man sich, einige der führenden Köpfe Aidids zu kidnappen. Ein schneller Einsatz von Hubschraubern ist geplant.
Der Einsatzort wird von einem einheimischen Taxifahrer markiert. Man stellt ihn als Feigling dar, ohne dass man seine Ängste beleuchtet. Der Taxifahrer schwebt nicht sicher über der Stadt, er trägt weder Waffe noch Weste, er muss weiter in Mogadischu leben, wenn die Amerikaner längst verschwunden sind. Er hilft den Amerikanern nicht aus ideeller Überzeugung, er tut es des Geldes wegen.
Die Geiselnahme gelingt, doch beim Rückzug werden zwei der Blackhawk-Hubschrauber abgeschossen und Aidids Miliz versperrt den Amerikanern den Weg. Nun kämpfen einige wenige Amerikaner tapfer gegen einen wütenden Mob. Auch wenn die US-Truppen Uniformen tragen, gesteht ihnen der Regisseur doch eine Persönlichkeit zu. Die Amerikaner haben Namen, eine Stimme, sogar eine (knappe) Vorgeschichte. Die Somalier dagegen sind so undifferenziert dargestellt. Wie Schlachtvieh. Man sieht sie nur rennen, schreien, schießen und sterben. Kaum, dass einem die Kamera eines ihrer Gesichter zeigt. Was will uns Ridley Scott damit sagen? Dass Soldaten im Gefecht den Gegner nur als Schemen wahrnehmen, auf den es zu schießen gilt? Kein menschliches Wesen, nur eine laufende Zielscheibe? Dann müssten die Amerikaner ebenso gesichtslos sein. Für diese Sichtweise hätte es überdies anderer Kameraperspektiven und Schnitte bedurft. Gesteht man Scott zu, dass er sein Fach beherrscht, wird er wohl eine andere Intention verfolgt haben.
Dieser Konflikt lässt sich wunderbar schwarz-weiß malen. Auf der einen Seite die guten, tapferen Amerikaner, mit ihre edlen Ziel und der Demokratie im Rücken. Auf der anderen Seite die blutrünstigen, mordenden Wilden. Nur von Machtgier beseelt. Schlecht bewaffnet, aber in der Überzahl. Dumm, aber brutal. Also lässt man eine Reihe nach der anderen im Sturmgewehrfeuer der Amerikaner zusammenbrechen. Jeder Schuß ein Treffer. Die Somalier schießen beharrlich vorbei. Wenn sie etwas treffen, dann Hubschrauber. Deutlich wird diese unausgewogene Darstellung auch im Abspann. Neunzehn US-Soldaten starben, alle weden namentlich erwähnt. Über die Rebellen erfährt man nur, dass es über 1000 Tote gab. Auch wenn die Ermittlung der genauen Zahlen wohl unmöglich ist, handelte es sich bei diesen Toten doch um Menschen. Der Respekt vor diesen Opfern hätte mehr als einen Halbsatz gerechtfertigt.
So heroisch die Amerikaner streckenweise dargestellt werden, die Brutalität des Krieges wird ungeschönt gezeigt. Wenn zwei Soldaten ihre Hände im Bein eines dritten haben, um eine Arterie abzuklemmen, ist das grausame Realität. All die Technik, der Drill, die Ausbildung ist nichts wert, wird man getroffen. In diesen Momenten werden US-Soldaten zu Opfern, werden sie zu normalen, verletzbaren Menschen. Die Frage nach den Tätern wird nicht gestellt. In diesem Zusammenhang musste ich mir eine Szene mehrmals anschauen. In dieser kniet sich General William F. Garrison (dieser übernahm in der Folge die volle Verantwortung für diesen Einsatz) im Lazarett nieder, um eine Blutlache aufzuwischen. Musik und Gestus lassen diese Szene vor Pathos triefen. Die Mimik jedoch scheint eine andere Sprache zu sprechen. Für einen kurzen Moment scheint es, als sagt das Gesicht: Das ist alles Irrsinn! Was tuen wir hier? So kurz und unmerklich wohlgemerkt, dass ich es erst in der Wiederholung sah.
Die somalischen Rebellen zwingen Kinder in ihren Krieg. Man sieht sie als Horchposten, aber auch bewaffnet mit AK-47. An diesem Umstand lässt sich nichts schön reden. Dass einer der amerikanischen Soldaten (gespielt von Orlando Bloom) erst 18 ist, erscheint mir kaum besser. Dennoch stellt man ihn als Held dar. Als Kämpfer für die gerechte Sache. Er ist kaum älter als die Kindersoldaten, auf die er schießt.
Die Rekrutierung von Kindersoldaten unter 15 Jahren gilt als Kriegsverbrechen, Aidid macht sich somit schuldig. In, auf Nahrungsmittel wartende Zivilisten zu schießen ist auch nicht nett. Die Milizen üben eine brutale Gewaltherrrschaft aus, das wird überdeutlich. Ganz anders werden die US-Amerikaner dargestellt. In der Lagebesprechung wird der Einsatz von AC-130 „Spectre“- Gunships abgelehnt. Diese Anweisung kam aus Washington. Von Kanonen zerhackte Zivilisten machen sich auf CNN nicht sonderlich gut. Während des Einsatzes sollen die Soldaten außerdem darauf achten, dass die Bevölkerung nicht zu Schaden kommt. Man erzählt uns also: Amerikaner gut, Rebellen böse.
Auch wenn es wohl der Realität geschuldet ist, glaube ich Ridley Scotts kritischen Ansatz in einer anderen Hinsicht zu finden. Vielleicht lässt sich diesem gar die undifferenzierte Darstellung der Somalis unterordnen. Die USA, das Land mit der am besten ausgerüsteten Armee der Welt, führt Krieg in einem Entwickulngsland. Kein Somalier hat sie darum gebeten, sie kamen trotzdem. Gönnerhaft, herablassend, überheblich. Verblendet von der eigenen Stärke glauben sie, jeden Konflikt auf ihre Art lösen zu können. Hochtechnisiert, in kleinen schlagkräftigen Truppen überfallen sie ihre Gegner. Was man an Material aufbietet, spart man an Menschen (und Opfern) ein. Nur schlägt diese Taktik im Film (wie auch in der Realität) fehl. Ein zweiter des Sprechens mächtiger Somali bringt es gegenüber einem gefangenen Piloten auf den Punkt: „Ohne einen Sieg kann es keinen Frieden geben.“ Die Amerikaner, die UNO (in anderen Konflikten auch Deutschland) haben kein Interesse zu siegen. Die Strategie ihrer „chirurgischen“ Operationen, bei denen man nur die Führer entfernt, schlägt fehl, gegen einen Gegner, der zu allem entschlossen ist. Ridley Scott scheint diesen Umstand mit „Blackhawk Down“ zu kritisieren. Eine Lösung kann er nicht bieten.
Monday, August 4, 2008
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