Sunday, January 20, 2013

Die Grenzen der Sozialdemokratie – Oder: Die Steuergerechtigkeit der Anwaltsdenkenden


Oh ja, die Juristerei. Die hohe Kunst, die dunkle „Wissenschaft“. Das Fach – irgendwo zwischen Literatur und Religion. Der Jurist schafft sich selbst die Regeln, die er dann beugt. Es ist dies eine besondere Spezies: Sie haben immer Recht, oder wenigstens eine unterschriftsreife Verleumdungsklage in der Schublade

Nun saßen wir also bei einem Glas mittelmäßig-schlechten Rotweins zusammen. Eine befreundete Anwältin erzählte, sie habe seit drei Monaten keine Putzfrau mehr. „Wieso das? Hat sie etwa gestohlen?“, fragte ich. „Nein.“

Man muss wissen, dass diese Anwältin SPD to the bone ist. Aufgewachsen im Ruhrgebiet ist man ebenso sozialdemokratisch wie man katholisch ist. Mit dem gleichen Maß an Bigotterie und ohne jegliche Relevanz für das eigene Handeln und Denken. Vermute ich. Neben der SPD, kann es für sie nichts anderes geben. Dass sie – die sich in der Lokalpolitik betätigt – derzeit von den eigenen Genossen kalt gestellt ist: geschenkt.

Die SPD ist die einzige Lösung. Die einzig mögliche politische Kraft. Und wenn die SPD morgen Bombenangriffe auf die Schweiz fordert, dann ist das richtig. Denn es ist ja die SPD. Ich spitze zu, aber dennoch: da kommt oft ein gerüttelt Maß an Dialektikt zum Vorschein, welches man seit dem Untergang der Marxisten für verlorengegangen hielt.

Die Putzfrau dieser befreundeten Anwältin erhielt sechs Euro die Stunde. Die durchaus als SPD-nah geltenden Gewerkschaften fordern 8,50 Euro Mindestlohn – für sämtliche Branchen. Besagte Putzfrau wischte und räumte und fegte und saugte für sechs Euro: schwarz und nicht sozialversichert.

Das kann natürlich nicht angehen, dass eine Anwältin eine Putzfrau schwarz beschäftigt. Also entschloss sie sich umgehend – nach nur drei Jahren – das Beschäftigungsverhältnis „weiß zu stellen“. Ihre Putzfrau solle doch bitte Steuern entrichten und Sozialabgaben abführen. Aus sechs Euro auf die Hand wurden so sechs Euro brutto. Eine Erhöhung des Lohns kam für die befreundete Anwältin nicht in Frage.

Nur am Rande: Haushaltsnahe Dienstleistungen kann man mit 20 Prozent von der Steuer absetzen. Also die Anwältin, nicht die Putzfrau. Statt 6 Euro würde sie demnach 4,80 Euro in der Stunde bezahlen. Unter anderem finanziert durch die nun steuerpflichtig gewordene Putzfrau.

Ja nun. Da wundert sich also diese Anwältin und SPD-Lokalpolitikerin darüber, dass ihre Putzfrau damit nicht einverstanden war: Gleiche Arbeit für weniger Lohn. Größer war nur die Verwunderung, dass sich bis zum Tage keine andere Putzfrau fand, die für dieses Geld das Bad schrubben wollte.

Und ich frage sie, ob sie es denn als gerecht empfände, wenn diese Putzfrau nur so wenig verdient. „In meiner Reinigung zahlen sie einen Stundenlohn von 3,75 Euro“, hält sie dagegen. Da seien 6 Euro [brutto] doch sehr gut. Nun schaltet sich ihr Mann – ein durchaus in sich ruhender Akademiker – ein, und sagt „Aber davon kann doch keiner leben!“ Dann sollen sie halt aufstocken gehen, faucht ihn seine sozialdemokratische Herzensdame an. Diese Dienstleistungen, meint sie, seien am Markt nun mal nicht mehr wert. (Das in ihrem Fall der Ausgleich von Nachfrage und Angebot seit drei Monaten nicht funktioniert, wen kümmert es.)

Kurz zusammengefasst: Die Arbeit dieser Menschen sei nicht mehr wert, als diese sozialdemokratisch verortete Anwältin zu zahlen bereit sei. Dass man davon nicht leben kann: nicht ihr Problem, sollen sie eben mit Hartz-IV ausgleichen. Dass der ihr gewährte Steuervorteil von der Gemeinschaft finanziert wird, nimmt sie genauso in Kauf, wie prekäre Arbeitsverhältnisse, die nicht die blanke Existenz zu sichern vermögen.

So sieht also das politische Seelenleben der Sozialdemokraten im Jahr 2012 aus.
Ich weiß, wie schmutzig die „große“ Politik ist. Loving it! Aber dass politische Überzeugungen schon auf so niederer Ebene nichts weiter als ein LABEL sind, das hat mich dann schon entsetzt.

Volvo, Demeter, Philharmonie, SPD – und eine Putzfrau für 6 Euro brutto.

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