Oh ja, die Juristerei. Die hohe Kunst, die dunkle „Wissenschaft“. Das Fach – irgendwo zwischen Literatur und Religion. Der Jurist schafft sich selbst die Regeln, die er dann beugt. Es ist dies eine besondere Spezies: Sie haben immer Recht, oder wenigstens eine unterschriftsreife Verleumdungsklage in der Schublade
Nun saßen wir also bei einem Glas mittelmäßig-schlechten
Rotweins zusammen. Eine befreundete Anwältin erzählte, sie habe seit drei Monaten
keine Putzfrau mehr. „Wieso das? Hat sie etwa gestohlen?“, fragte ich. „Nein.“
Man muss wissen, dass diese Anwältin SPD to the bone ist.
Aufgewachsen im Ruhrgebiet ist man ebenso sozialdemokratisch wie man katholisch
ist. Mit dem gleichen Maß an Bigotterie und ohne jegliche Relevanz für das
eigene Handeln und Denken. Vermute ich. Neben der SPD, kann es für sie nichts
anderes geben. Dass sie – die sich in der Lokalpolitik betätigt – derzeit von
den eigenen Genossen kalt gestellt ist: geschenkt.
Die SPD ist die einzige Lösung. Die einzig mögliche
politische Kraft. Und wenn die SPD morgen Bombenangriffe auf die Schweiz fordert,
dann ist das richtig. Denn es ist ja die SPD. Ich spitze zu, aber dennoch: da
kommt oft ein gerüttelt Maß an Dialektikt zum Vorschein, welches man seit dem Untergang
der Marxisten für verlorengegangen hielt.
Die Putzfrau dieser befreundeten Anwältin erhielt sechs Euro
die Stunde. Die durchaus als SPD-nah geltenden Gewerkschaften fordern 8,50 Euro
Mindestlohn – für sämtliche Branchen. Besagte Putzfrau wischte und räumte und
fegte und saugte für sechs Euro: schwarz und nicht sozialversichert.
Das kann natürlich nicht angehen, dass eine Anwältin eine
Putzfrau schwarz beschäftigt. Also entschloss sie sich umgehend – nach nur drei
Jahren – das Beschäftigungsverhältnis „weiß zu stellen“. Ihre Putzfrau solle
doch bitte Steuern entrichten und Sozialabgaben abführen. Aus sechs Euro auf
die Hand wurden so sechs Euro brutto. Eine Erhöhung des Lohns kam für die
befreundete Anwältin nicht in Frage.
Nur am Rande: Haushaltsnahe Dienstleistungen kann man mit 20
Prozent von der Steuer absetzen. Also die Anwältin, nicht die Putzfrau. Statt 6
Euro würde sie demnach 4,80 Euro in der Stunde bezahlen. Unter anderem
finanziert durch die nun steuerpflichtig gewordene Putzfrau.
Ja nun. Da wundert sich also diese Anwältin und
SPD-Lokalpolitikerin darüber, dass ihre Putzfrau damit nicht einverstanden war:
Gleiche Arbeit für weniger Lohn. Größer war nur die Verwunderung, dass sich bis
zum Tage keine andere Putzfrau fand, die für dieses Geld das Bad schrubben
wollte.
Und ich frage sie, ob sie es denn als gerecht empfände,
wenn diese Putzfrau nur so wenig verdient. „In meiner Reinigung zahlen sie
einen Stundenlohn von 3,75 Euro“, hält sie dagegen. Da seien 6 Euro [brutto]
doch sehr gut. Nun schaltet sich ihr Mann – ein durchaus in sich ruhender
Akademiker – ein, und sagt „Aber davon kann doch keiner leben!“ Dann sollen sie
halt aufstocken gehen, faucht ihn seine sozialdemokratische Herzensdame an. Diese
Dienstleistungen, meint sie, seien am Markt nun mal nicht mehr wert. (Das in
ihrem Fall der Ausgleich von Nachfrage und Angebot seit drei Monaten nicht
funktioniert, wen kümmert es.)
Kurz zusammengefasst: Die Arbeit dieser Menschen sei nicht
mehr wert, als diese sozialdemokratisch verortete Anwältin zu zahlen bereit
sei. Dass man davon nicht leben kann: nicht ihr Problem, sollen sie eben mit
Hartz-IV ausgleichen. Dass der ihr gewährte Steuervorteil von der Gemeinschaft
finanziert wird, nimmt sie genauso in Kauf, wie prekäre Arbeitsverhältnisse,
die nicht die blanke Existenz zu sichern vermögen.
So sieht also das politische Seelenleben der
Sozialdemokraten im Jahr 2012 aus.
Ich weiß, wie schmutzig die „große“ Politik ist. Loving it! Aber
dass politische Überzeugungen schon auf so niederer Ebene nichts weiter als ein
LABEL sind, das hat mich dann schon entsetzt.
Volvo, Demeter, Philharmonie, SPD – und eine Putzfrau für 6
Euro brutto.
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