Tuesday, September 25, 2012

Der Salat

Ist ja alles bloß lieblos zusammengeworfen hier. Die Plastik-Gabel piekst ein Stück Käse aus dem Salat. „Dein Problem ist“, setze ich an, „du bist jetzt 30...“ Ein entrüstetes „29“ dringt über die kunststoffbeschichtete Pressspan-Tischplatte der in kaltes Neonlicht getauchten Kaffeeküche. „Du bist jetzt 30. Das heißt, der nächste Typ, der ein gewisses Maß an Commitment zeigt ist fällig. Und Zack!“ Ich klatsche in die Hände. „...ist er gefickt.“

Bad Vibrations an diesem Freitagabend in diesem gottverdammten Jahr 2012. Meine Gabel zerpflückt den „gemischten Salat“ und fördert ein Stück Hinterkochschinken zu Tage. Das Joghurtdressing ist eine fade Langeweile von Joghurt. Kein Salz, kein Geschmack. Ein säuerliches Nichts. Ich weiß genau, was ich hier tue. Ich mache eine Frau fertig. Vorsätzlich und eiskalt. „Der nächste, der sich auf Dich einlässt, wird zwangsläufig Vater“, lege ich nach.

„Weißt Du, ich habe einen Freund. Ein ziemliches Arschloch. Aber was willste machen. Ist halt ein Freund. Der war ewig Single. Die Eltern dachten schon, er wär ein Homo oder so. Jedenfalls, kaum hat er ne Freundin und ZACK!“ Erneut hört man ein lautes Klatschen meiner Hände. Die durchsichtige Plastikgabel liegt auf den orange-anthrazitfarbenen Servietten eines benachbarten Bagel-Ladens. Mein Gegenüber ... ich könnte nicht sagen, was ihr Blick sagt. Wichtig ist nur, dass ich weiterrede. „...und ZACK! ist sie schwanger.“ Kurzes Schweigen. „Es hat genau einen Monat gedauert.“ „Ja, Frauen können manchmal echt ne Bitch sein“, wird die Zerstörung eines Lebens von ihr relativiert. „Eine Bitch“ schießt es mir durch den Kopf, als ob mal eben ein Kind in die Welt werfen ne Kleinigkeit wäre.

„Und das ist halt das Ding: Jeder Typ weiß, wenn er mit dir anbandelt, dann war es das!“ Würde ich jetzt stoppen, ich erntete eisiges Schweigen. Sie ist mit ihren Caprese-Salätchen fast fertig, ich habe nicht mal ein Drittel meiner Schale verschlungen. „Deswegen...und da führt kein Weg dran vorbei...Du wirst als chronisch untervögelte Mittvierzigerin enden!“ „Pah! Chronisch untervögelt...“ I definitely hit a nerve there. Schöne Augen funkeln mich böse an. Es geht nicht darum, ob sie wirklich chronisch untervögelt bleibt. Es geht darum, dass sich kein Typ auf so ne Alte mit Torschlusspanik einlässt.

„Kein Typ wird sich auf sowas einlassen. Sorry. Aber hey, so siehts nunmal aus.“ Ich hole kurz Luft. „Dein Leben ist quasi jetzt schon vorbei“, schiebe ich kalt und lakonisch nach. Ich sitze da wie Al Pacino im zweiten Teil des Paten. Die Chemie des Abends ist gründlich zerrüttet. Wie lange, denke ich, muss ich heute noch mit ihr arbeiten? „Du spinnst ja!“ Zwei kleine Salatschalen wandern in den Plastikmülleimer neben mir. Meine Gabel versucht, etwas Grün in einem Kunststoffbecher aufzupieksen. Ich bin allein. Über mir das kalte Licht unbarmherziger Neonröhren.



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