Sunday, July 29, 2012

Der Klang der Familie


Es gibt ein untrügliches Zeichen für die Güte einer Party: Wie weit ist der Reißverschluss des Anoraks geöffnet? Je besser desto weniger Jacke. Das ist evident. Egal. Im Zeitraum von zehn Jahren habe ich es in genau zwei Discotheken geschafft. Großraum-Discotheken. Tanztempel. Pop für Bauern.

Das Terminal 1 am Flughafen sollte zumachen – letzte Nacht. Montschi kannte den Türsteher – sie spielen im gleichen Tischtennis-Verein – wir kämen also umsonst rein. „Das ist ein viehschster Rumfresser. Der ist nur am rumfressen.“ Tatsache – er hatte eine Schnittenbüchse mit den Ausmaßen Luxemburgs dabei. Irgendwie kam mir der Typ bekannt vor: Die Welt ist verdammt klein, und mein früherer (Vierte Klasse) Karatelehrer ist jetzt hier Türsteher, Tischtennisspieler und Rumfresser. Achso, selbiger ging übrigens mit meinem Vater in eine Klasse. Mikrokosmos Heimat. Egal, Hauptsache umsonst rein.

Der Laden hatte fünf Floors: einen Black, einen Elektro, einen House, einen Alternative...ich hatte Schwierigkeiten die Floors auseinanderzuhalten, denn überall lief das gleiche. Es war die Zeit als dieses Riverside angesagt war. Habe ich an dem Abend bestimmt zehn mal von den Laptop-„DJ“s gehört. An der Bar gab es kein Bier – nur Radeberger für teuer Geld mit Pfandmarken.

Auf der Pro-Seite: die Quote gutaussehender Frauen war echt hoch.

Ich hol uns erstmal drei Bier, quetsch mich eine Treppe runter, ich glaub, wir stehen auf dem Black-Floor, wie gesagt, es ist schwer zu sagen. Ich habe den Reißverschluss meines englischen Sport-Jäckchens drei Zentimeter geöffnet. Es ist kein krampfhaftes am Bier festhalten, es ist ein angewiedertes am Bier festhalten.

In diesem Laden am Rande der „großen Stadt“ gibt es genau zwei Arten von Typen, alle mit einem ruralen Hintergrund. Die lustigen sind die 1,60-Meter-Pumper. Kleine Kinder mit einer ungesunden Vorliebe für anabole Steroide und Selbstbräuner. Ja, auch Ed Hardy braucht eine Zielgruppe. Ich frage mich, ob Zuchtputen auch so aussehen.
Die anderen lustigen sind die Zweimeter-Bäuche. Große Bauerntypen mit einem soliden Bauchansatz, Polohemd. Hautfarben. Die moderne Inkarnation eines Bauerntölpels, könnten auch einen Pflug ziehen. Gott, an mir ist wahrlich ein Anthropologe verloren gegangen. Aber ich bin ja hier zum feiern, nicht zum Studium.

Wir stehen da, zu dritt, am Rand. Angewiedert und belustigt. Links vor mir springt einer der 1,60er auf Cryssn rum. Zu druffn um noch was mitzuschneiden, feiert nur mit sich selbst. Überdrauf und aggro.

Oh fuck! Pirates-of-the-Caribbean-Soundtrack auf Kirmes-Techno ... die Menge tobt. Mein Reißverschluss verharrt auf drei Zentimetern.


Irgendeine Kirsche quatscht mich von der Seite an … ich habe keine direkte Erinnerung mehr an sie… das bedeutet, sie kann weder ausnehmend schön noch ausnehmend hässlich gewesen sein. „Hey! Party!“ „Ey sorry, das ist echt ni so mein Ding hier.“

Tatsache, wir haben es ne Stunde lang ausgehalten. Auf zum Parkplatz. Wir rollen da runter auf gleicher Höhe mit einem anderen Wagen. Bei uns läuft Oldschool Drum and Bass. In dem anderen Wagen sitzen vier Mädels. Verdammt, mir ist noch nie bewusst aufgefallen, dass man von Klotzsche straight zur E ballern kann. Die Perfekte Strecke für spätnächtliche Autorennen. An jeder Ampel stehen die Mädels neben uns. E. Zack, beide links rein.

Okay, nur zur Erläuterung. Eigentlich sollte im KB an dem Abend im Herbst 2009 ...verdammt, ich hab da jetzt ne halbe Stunde gesucht, wer da auflegen sollte... kein Plan. Jedenfalls wat großet. Irgendwer hat das Booking verrissen. Der Buschfunk jedoch trommelte, dass es am gleichen Abend Trommelbass im KB geben sollte. Connie wollte selber auflegen. Eintritt gab es für lau – Becks für 2,50. Das Paradies im Keller.

Wir kamen an. Trotz abgesagtem Headliner dennoch bestimmt so 70 Leute da.
Wir kommen rein. Es läuft DIE Blechtrommel im Mix mit Hardcore-Vibes. Das ist technisch unmöglich. Klang aber so geil. Die Menge – alles bekannte Gesichter – total am Ausflippen.

Die Blechtrommel ist eine unserer ältesten Party-Erinnerungen. Die war auf meinem allerersten DnB-Tape. Die kennt man nur in Dresden, nur im Kingbeatz. Du weißt: Wenn da jemand „Jawoll!“ schreit, oder „Yess, yess, yoah, yoah!“ dass du zu Hause bist. Unter deinesgleichen. Rein, Bier, Blechtrommel, Jacke aus. Der Klang der Familie. Hier ist nichts prätentiös. Jeder ist bei sich selbst.


Vor zwei Wochen war ich – zwischen zwei Fahrradrennen – auf Party. Das Kingbeatz gibt es nicht mehr. Weil die Strasse E pleite ging, mussten alle Pächter da raus. Untergekommen ist man im Puschkin. Club in Club.

Jeff Smart legte „On a Smart Trip“ auf. Acht Stunden nonstop dnb von 1998 bis 2012. Und ich hatte echt nen scheiß Abend: Kettenklemmer im Rennen, Kreditkarte verloren, ohnehin nicht grad in ner Hochphase. Egal, scheiß drauf: Ich brauch was schönes zur Ablenkung – und sei es nur das Schwelgen in besseren Zeiten. Zwei, drei Stunden paar Klassiker anhören. Vielleicht spielt er ja den Mad-World-dnb-Remix, oder Chasing Cars. Bestimmt spielt er die Blechtrommel.

Von dem Mad-World -Remix gab es soweit ich weiß nur 250 Platten insgesamt. Weltweit. Eine Rarität. Selten zu hören, ich hab es nichtmal irgendwo als Mp-3. Auch den Chasing-Cars Remix habe ich erst nach drei Jahren gefunden.

War eigentlich echt lustig. Haufen bekannte Gesichter. Miserable Klimanlage. Jacke nach 30 Minuten weggelegt. Ich hab mich so übern Connie zerschmissen, der steht hinter den Turntables, und singt die Vocals mit. Ich mein, der dicke, langlodige Grieche macht das seit Jahrzehnten, und dann singt der die Vocals mit. Wie geil. Halt die ganzen classics rausgehauen. Die, bei denen ich den Titel kenne, waren zum Beispiel Outta Space, Smack my bitch up und natürlich Hardcore-Vibes. Classic!

Ich habe nen Mitschnitt vom Smarttrip 2010, der bei mir seit ner Woche hoch und runter läuft. Bin ich oldschool? Bin ich schon ein alter Sack? Bin ich ein alter Sack, weil ich auf Oldschool-Drum-and-Bass gehe?

Blechtrommel. Und alle so: „Jawoll!“ Ich glaub, dass ist so unser Ding. Da haste auch gesehen, wer nur zufällig da war, und wer wusste, was hier passiert. Die Eingeweihten waren am abgehen. Der Rest war perplex.

Erwähnte ich, dass die Klimaanlage nicht so toll funktionierte? Zumindest nicht für die produzierte Wärme der abgehenden Leiber. Ich trachtete danach, mich auf dem Klo zu erfrischen. Halt bisschen das Gesicht abkühlen. Fragt mich so ein Typ: „Ist alles okay bei Dir?“ Ich so: „Klar. Läuft!“ Er so: „Tight.“ Geil: „tight“ ist wieder zurück.

Okay, die Hosen – es waren 10 Grad draußen also trug ich Jeans statt Shorts – klebten. Hey! Den Tune kennst Du doch. Nur ganz kurz, aber Connie hat Mad World angespielt.
Okay: Platz schaffen. Gleich kommts. Bedeutungsschwangere Blicke werden in der Familie hin und her geworfen

Sinnlos, seit man auf Partys nicht mehr rauchen darf, hat keiner mehr Feuerzeuge dabei.

Mad World Intro... Feuerzeugschwenken, Platz schaffen, Hosen nach oben ziehen, „Jawoll!“ rufen. ...Here it comes...total fucking madness. Ausrasten.

Ich glaube, jemand, der zum ersten Mal in so eine Party stolpert, genau in diesem Moment...der weiß nicht was vor sich geht. Das ist ne totale Schlacht. Absolut am Limit. Man kann es nicht toppen.

Jeff Smart kann: Mad World und dann Chasing Cars.
15 Minuten schierer Wahnsinn. Totales Endorphin, breites Grinsen. Schweiß in Strömen.

Hardcore vibes.

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