So sehr ich auch glaube, in einem wiedervereinten und schließlich einigem Deutschland zu leben, so gibt es doch immer wieder Vorfälle, die mich daran zweifeln lassen, Ereignisse, bei denen ich merke: Die da „drüben“ ticken anders.
Auf der Positiv-Liste kann ich ganz klar konstatieren: Der Altbundesbürger im Rentenalter ist zweifelsohne besser gekleidet als sein ostdeutsches Pendant, zumindest in der Öffentlichkeit. Mich überfällt regelmäßig ein Schamgefühl, wenn ich sehe, wie sich die ostdeutsche Weltkriegsjugend vor die Tür wagt.
Vor eingen Wochen schrieb die Vorsitzende der Linkspartei, Gesine Lötzsch (49), einen Aufsatz für die „junge Welt“ unter dem Titel: „Wege zum Kommunismus“. Ich habe besagten Text nicht gelesen, wie ich meine, dass sich auch nur wenige der Kritiker intensiv mit dem Beitrag auseinandergesetzt haben. Darum soll es an dieser Stelle auch nicht gehen.
Ich war erstaunt, entsetzt gar, über die Reaktionen, die dieser Text hervorrief. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ein Aufschrei ging durch das politische Deutschland. Die Repliken in den tradierten Medien zeichneten nicht das Bild von Meinungsvielfalt. Die Diskurse in etablierten Kreisen wandten sich samt und sonders gegen die Vorsitzende einer im Bundestag vertretenen Partei. Eigen ist diesen – etablierten - Kreisen, dass sie allesamt von Westdeutschen besetzt sind. Medien, Politik, Zivilgesellschaft: Die Elite rekrutiert sich aus Altbundesbürgern.
Wie ein Triggerwort brachte der „Kommunismus“ zum Ausbruch, was die vergangenen 20 Jahre selig - unter einer Decke des Sieges über den Klassenfeind - geschlummert hat. Plötzlich waren sie zurück, die tollwütigen Reden vor Wut schäumender Unionspolitiker. Das geifernde Gezeter der Meinungsmacher die keiften:
„Wir haben es immer gewusst!“ (Minute 7:21)
Alexander Dobrindt, CSU-Generalsekretär, und somit der Mitgliedschaft in einer Vereinigung, die die Einparteienherrschaft anstrebt, unverdächtig, ereiferte sich in jedes herumstehende Mikrofon, die Linkspartei stehe außerhalb der Verfassung. Wer wagt an den Kommunismus zu denken, oder ihn nur beim Namen zu nennen ist ein Verfassungsfeind. Rufe wurden laut, eine Partei, die vom Souverän in höchstes Amt und Würden gewählt wurde, durchgängig und vollständig vom Verfassungsschutz observieren zu lassen. Der Innlandsgeheimdienst soll eine Oppositionspartei ausspionieren. Interessant. Die deutsche Version der McCarthy-Ära bricht an. Auf zur fröhlichen Kommunisten-Hatz. Treibt sie zusammen!
Wie ein wütendes Kind rief es allüberall: „Es kann keinen Kommunismus geben, weil es keinen Kommunismus geben kann!“ Frau Lötzsch rührte mit ihrem Text an den wunden Punkt der (west-)deutschen Gesellschaft.
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Ich verfalle bei dem Wort „Kommunismus“ nicht in einen berserker-haften Rausch. Für mich existiert dieser Begriff gleichberechtigt neben Vokabeln wie „Freie Marktwirtschaft“ oder „Merkantilismus“.
Ich kann nicht sehen, was am Kommunismus per se undemokratisch sein soll. So wie ich es verstehe, handelt es sich dabei in erster Linie um eine Art des Wirtschaftens und nicht um eine Regierungsform. Im Kommunismus sind die Produktionsmittel allen zu eigen. Alles gehört allen. Ich sehe keine Einparteienherrschaft, keine Diktatur (auch keine des Proletariats). So wenig, wie freie Marktwirtschaft automatisch Demokratie bedeutet, so wenig muss Kommunismus automatisch Unterdrückung bedeuten. Nun lässt sich trefflich darüber streiten, ob Kommunismus wirklich zum Wohlstand für alle führt, oder doch eher die schöpferischen Kräfte unterbindet, die der Freie Markt für sich in Anspruch nimmt. Ein exklusives Monopol auf eine bestimmte Regierungsform hat der Kommunismus jedoch nicht.
Die zeternden Horden des etablierten Meinungsaustauschs und politischen Prozesses führen all das Unglück im Munde, dass der Kommunismus bislang über die Welt gebracht hat: Stalin, Mao, den Trabant. Doch waren die beiden erstgenannten Diktatoren, die den Kommunismus, oder eher: Was sie dafür ausgaben, als adäquates Mittel der Machtsicherung betrachteten. Nur letztgenannter war Ausdruck planwirtschaftlichen Mangels in einem angestrebten kommunistischen Wirtschaftssystem.
Um meinen Ausgangspunkt aufzugreifen: Ich war ob der Reaktion auf Frau Lötzsch´s Text entsetzt, so verschroben ihre Ideen auch sein mögen. Ich war von der Heftigkeit der Reaktionen überrascht. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass der Begriff „Kommunismus“ das absolute Totschlag-Argument ist, um jedwede konstruktive Diskussion zu unterbinden. Sämtlich Kommentatoren geilten sich an diesem Wort auf.
Ich bin bei Leibe kein Linker. Aber ich mag Denkverbote nicht, ich kann mir nichts unreflektiert oktroyieren lassen. Wenn bereits das Gedankenexperiment verboten bleibt, ist der Weg in die Sackgasse, in die Ausweglosigkeit vorprogrammiert. (Daran ist schon der Kommunismus gescheitert.)
Mein Umfeld von ostdeutscher, neubundesbürgerlicher Sozialisation kann sich mit der Linkspartei ebensowenig anfreunden. Aus einem anderen Grund jedoch. Hier in der „Zone“ gehört die PDS/ Linkspartei seit Jahr und Tag zum etablierten politischen Prozess. Die Praktiker und Pragmatiker haben sich durgesetzt und sitzen in den Parlamenten, sind teilweise in der Verantwortung. Man merkt hier: Unter der Linkspartei ist nichts anders. Es sind die gleichen Lappen und Lumpen, aus denen sich auch die hiesige CDU rekrutiert. Die Linkspartei im Osten ist eine konservative Partei: Voll von Tattergreisen, gewählt von Tattergreisen. Die wollen keinen Kommunismus, die wollen, das Kinder nicht auf ihrem Vorgartenrasen spielen.
Ich möchte sagen: Trotz 40 Jahren Kommunismus-Knuddelei gibt es hier keine Kommunisten, nur Realisten. Jeglicher Dogmatismus, jegliches Extrem ist dem Osten fremd geworden (vgl. den „Sächsischen Weg“ der NPD).
Im Osten hat man gelernt mit der Linkspartei zu leben, wie man anderswo mit der SPD oder der CDU lebt. Mit der Fusion der PDS und der WASG zur Linkspartei spülte es einige westdeutsche Altkommunisten, Ex-Maoisten und sonstige Käuze in die Partei. Seitdem ist sie gesamtdeutsch.
Doch im Westen? Ich kann nur immer wieder staunen, was dieses eine kleine Wort mit den Menschen anstellt. Ob Frauen schreien, wenn ich in Erlangen an der Kasse stehe und rufe: „Kommunismus“? Woher rührt nur diese Angst? Vierzig Jahre Rheinischer Kapitalismus, mit den Roten Horden vor der Haustür? Ist es der Standesdünkel derer, die zwar von Franzosen, Briten Amerikanern besetzt, nie jedoch von den Russen besiegt wurden? Geht es womöglich noch tiefer? Zieht sich der Antikommunismus wie ein schwarz-braun-schwarzes Band durch die deutsche Geschichte seit 1863?
Im Osten zwang man den Menschen 40 Jahre lang ein System auf, dann ein anderes. Keines hat funktioniert. Man macht sich keine Illusionen mehr. Der Westen hat den Kampf der Systeme nie verloren.
Dieses System muss einfach besser sein. Weil, ... es muss einfach!
Thursday, January 20, 2011
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