Die erste Version zu diesem Text habe ich vor 2 Jahren für meinen My-Space-Blog zusammengeschmiert. Damals war der Irak noch ein Hexenkessel, von Afghanistan hörte man kaum etwas. Ruhiger ist es im Irak wohl geworden, dafür schießt man am Hindukusch wieder auf Zivilisten.
Sieben Jahre Angriff auf Freiheit und Demokratie - von allen Seiten
Die Generation unserer Eltern fragt sich: „Wo warst du zum Mauerfall?“, unsere Großeltern beeindruckte die Mondlandung, oder der Sputnik-Start. Das prägende Ereignis meiner Altersgruppe hat die gesamte Welt ins Chaos gestürzt.
Vor sieben Jahren ging ich noch zur Schule, oder besser gesagt, kam ich gerade von da. Während des Mittagessens schaute ich etwas fern, doch statt des regulären Programms bekam man überall nur Sondersendungen zu sehen.
Irgendjemand hatte das WorldTradeCenter in New York platt gemacht.
Ich lachte.
In diesem Moment fand ich es cool.
Ich fand es cool, dass es den Amerikanern mal einer zeigt.
Die Attentäter gingen nicht nur auf die USA, sondern auch auf das Wahrzeichen des Kapitalismus, und auf das Symbol militärischer Aggression, das Pentagon, los (dies, wie auch die Tatsache, dass ein viertes Flugzeug irgendwo in Pennsylvania zerschellte, wird in diesem Zusammenhang gern und oft vergessen). Alles, was sich damals zu meinem Feindbild manifestiert hatte, wurde mit Flugzeugen gerammt.
In meiner jugendlichen Naivität dachte ich weder an die Opfer, noch an die Folgen.
Ich saß die ganze Zeit vor dem Fernseher und dachte nicht an das, was folgen könnte.
Noch heute erinnere ich mich an die wilden Vermutungen bezüglich der Täter.
So gab es ein Bekennerschreiben einer japanischen Gruppe, kann sich noch jemand daran erinnern? Auch der Irak war schon am 11. September 2001 im Gespräch.
Es wurde Zeit, mein Vergnügen zu beenden, denn ich hatte einen Zahnarzttermin wahr zu nehmen.
Als ich meiner Zahnärztin vom Geschehenen berichtete, dachte sie, ich würde irgendeinen Unsinn erzählen. Keiner hatte ihr bisher davon erzählt.
Danach fuhr ich in die WG, ein besetztes Haus in meiner Stadt, um mich mit meinen Freunden zu treffen. Wir sahen uns immer wieder an, wie die Türme zusammen fielen (in schwarz-weiß). Keiner hegte übermäßig Sympathien für die USA. Auch wenn niemand von uns an eine höhere Macht glaubte, so empfanden wir dies doch als gerechte Strafe gegenüber einer arroganten, aggresiven Macht.
Am nächsten Tag, einem Mittwoch, hatten wir zuerst Mathe. Heuchelei oder wirkliche Betroffenheit: bevor wir mit dem Unterricht begannen, sollten wir eine Minute schweigen. Meiner kommunikativen Ader sei´s gedankt, durfte ich diese verkrampfte Stille mit einigen Sätzen einleiten. Meine Worte waren gut - aber gelogen.
Bin ich ein Schwein, weil mir 2751 Tote im WTC gleich sind? Menschen, die ich nie kannte, die mich nie kannten? Menschen die Familien hatten, die ihre Kinder schlugen; Menschen, die Drittweltländer mit einem Federstrich in die Krise stürzen konnten; Menschen, die Fenster putzten, Flure fegten und Klimaanlagen warteten. Ich bin nur ehrlich, wenn ich sage, dass diese mir egal sind. Sie sind zu abstrakt, zu weit weg.
Die Heuchelei im Anschluss fand ich weitaus schlimmer.
Es ist der 11. September 2008. In New York feiert man das Gedenken an die Opfer.
Im Irak starben bisher 4464 Soldaten der „Koalition“, 8585 irakische Sicherheitskräfte sowie 1001 Söldner. Ungezählt bleiben die zivilen Opfer. (Stand: 31.8.2008) In Afghanistan starben (bis zum 9. September 2008) 957 Soldaten der Koalitionstruppen. Der Guardian schätzt dabei die Zahl der zivilen Opfer zwischen 20.000 und 49.000.
In New York feiert man diese Opfer, und gedenkt nur der toten Amerikaner.
Das ist zum einen ein schönes Beispiel für unser Mediensystem: ein Toter in Berlin: eine Nachricht, Hundert Tote in Kenia: keine Nachricht. Unsere Wahrnehmung ist verschoben. Vielleicht auch unser Wertesystem. Sollten wir 20000 zivile Opfer in Afghanistan nicht viel stärker beklagen als 184 Tote im Pentagon? Oder ist ein toter Amerikaner 7 tote Afghanen wert?
Hätte ich das vor 7 Jahren gewusst, mir wäre mein Lachen im Halse stecken geblieben.
Man hat zwei (relativ stabile) Länder in Krieg und Chaos gestürzt. Tausende sind umgekommen. Die Welt ist unsicherer als je zuvor.
Die Fronten zwischen den verschiedenen Kulturkreisen haben sich verhärtet. Statt die liberalen Kräfte in den muslimischen Gesellschaften zu stärken, treibt unser Vorgehen die Menschen den radikalen Kräften in die Arme. Statt die kulturellen Leistungen in islamischen Gesellschaften zu würdigen, statt eine notwendige Neugier zu pflegen, haben wir Angst vor bösen Muselmanen.
Na immerhin, die Gaspipeline durch Afghanistan ist verlegt, Heroin war in Europa noch nie so billig. Irakisches Öl finanziert amerikanische Waffen. Die US-Rüstungsunternehmen haben gut verdient in den vergangenen Jahren. Ebenso private Sicherheitsfirmen. So bekam der private „Sicherheitsdienst“ Blackwater im Jahr 2001 nur 1Mio. $ von der US-Regierung. 2007 verdiente man 800Mio. $. Blackwater Worldwide sind diejenigen, die „high-profile“ mit gepanzerten Geländewagen durch Bagdad rasen, in Menschenmengen schießen, oder sich mit Angestellten des irakischen Innenministeriums Feuergefechte liefern, bis US-Streitkräfte (!) die Situation unter Kontrolle bringen.
Trigger-happy.
Die Auswirkungen dieser Gewalt könnten wir dereinst alle zu spüren bekommen.
Was wir jetzt schon spüren, sind die harten Schnitte, welche man an unserer Freiheit ansetzt. Ob nun Schily oder Schäuble, beide haben unsere Gesellschaft nicht freier, sondern ängstlicher gemacht.
Ich bin der Meinung, sie arbeiteten und arbeiten daran mit heren Idealen. Sie möchten die Sicherheit der Bevölkerung garantieren(!). Koste es, was es wolle.
Die Zeitschrift LaCroix aus Paris spricht davon, dass bürgerliche Freiheiten mit Füßen getreten werden, und die Bürger unter Generalverdacht stehen (LaCroix 11.9.2008). Der Staat, nach Max Weber, derjenige der das Gewaltmonopol besitzt, nutzt diese Position aus. In Krisenzeiten mag eine Verschiebung von Freiheit hin zu Sicherheit legitim erscheinen. Doch befanden sich die Staaten Europas nie in einem solchen Krisenszenario.
In Großbritannien, dem Vorreiter im Bereich Videoüberwachung, wenn man so will also dem unfreisten europäischen Staat, gelang es trotzdem Anschläge auf U-Bahnen und Busse zu verüben. Man hat durch den Verlust gewisser Freiheiten folglich keinen Zuwachs an Sicherheit erzielt. Dafür hatten britische Polizisten eine solche Angst vor einem dunkelhäutigen Bürger, dass sie ein ganzes Magazin in ihn entluden – der Mann war harmlos.
Man schürt permanente Angst, um uns ein Sicherheitsbedürfnis zu oktruieren, wodurch wir unserer Freiheiten verlustig gehen.
George Orwell beschreibt es in „1984“ etwa so: keiner weiß, ob der Krieg, der allgegenwärtige, noch im Gange ist. Doch dieses permanente Bedrohungsszenario wird herangezogen, um die Unterdrückung zu rechtfertigen. Auch wenn Orwells Utopie weitab dessen ist, was wir im Moment beobachten – die Mechanismen sind die gleichen.
Hui! Eben ist der Rechner abgestürzt. Und während ich mir einen Espresso zubereite, denk ich so: Hmmm, ist ja schon merkwürdig, dass in dem Moment, wo du über Freiheit schreibst, dein Rechner kollabiert. Hat Windows was gegen Freiheit? Hab ich nen Bundestrojaner mit ner Freiheitsaversion? Durchwühlt der Rollstuhl-Goebbels im Innenministerium grad meine Festplatte (das sind ALLES nur Sicherheitskopien von meinen vielen Orginal-DVDs, Herr Online-Durchsucher). Wenn schon die Welt in den vergangenen 7 Jahren nicht sicherer geworden ist, dann doch die Computer, denn dank AutoRecovery ist der Großteil meines Textes (auch ungespeichert) noch da.
Wäre ein schönes Schlusswort.
Über Freiheit stand in meinem alten Text gar nichts. Das führt jetzt auch zu weit, und wenn ich es heute noch veröffentlichen will, hab ich nicht mehr die Zeit alles zu durchdenken.
Ich mag Freiheit – irgendwie.
Ich mag es, vor dem Fernseher zu sitzen und zu lachen, wenn Hochhäuser kollabieren.
Ich mag es, die USA kritisieren zu können; wie ich auch Gefallen daran finde, mich über Berlin zu empören.
Ich möchte durch Leipzig gehen und mich am Hintern kratzen können, ohne dass mich eine Kamera dabei filmt (hinter welcher ein Polizist sitzt, den es just bei meinem Anblick am Popo juckt).
Mit dem Abstand von 7 Jahren betrachtet, lache ich nicht mehr bei diesen Bildern. Zu viel ist seitdem passiert – das wenigste davon war gut.
Das wenigste davon lässt mich denken, dass unsere Kultur wirklich soviel reifer und zivilisierter ist, als die der bärtigen Gotteskrieger in einem zentralasiatischen Erdloch.
Dieser Text bedient den Nachrichtenfaktor Kontinuität.
Thursday, September 11, 2008
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1 comment:
Cool cool. Hättest ja mal was favon schreiben können, dass es noch immer keinen Beweis dafür gibt, wer denn nun wirklich daran Schuld hat.
Aber mit icq allen eine "Fröhlichen 11. September" zu wünschen halt ich trotzdem für ne kranke Idee
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